Die Wunderkammern in den Swarovski Kristallwelten Wattens – ein Tagebucheintrag
Der Weg führt mich mit dem E-Bus-Shuttle vorbei an Innsbruck durch die Tiroler Landschaft nach Wattens. Und dann taucht er plötzlich auf: der Riese. Ein Kopf im Hang, riesige kristallene Augen, Wasser im Mund. Skurril, fast überzeichnet – und zugleich so selbstverständlich in die Landschaft gesetzt, dass er nicht fremd wirkt.
Unterirdisch öffnen sich die Wunderkammern. Der Besuch beginnt in der blauen Halle mit kristallglitzernden Arbeiten von Andy Warhol, Niki de Saint Phalle, Keith Haring und Salvador Dalí. Raum folgt auf Raum, jeder mit eigener Temperatur – stellenweise bis zu minus zehn Grad – und eigener Reflexion.
Was macht einen Raum zur Wunderkammer?
Dass hier – in den Swarovski Kristallwelten Wattens – von Wunderkammern gesprochen wird und nicht einfach von Räumen, baut eine schöne Brücke zu den historischen Wunderkammern des benachbarten Schloss Ambras. Das Wort klingt weich, fast behutsam, und lässt mich an Sammeln, Staunen, Ordnen denken – an Wissen, das offen bleibt. Auch hier entsteht eine eigene Welt. Der Name Kristallwelten trifft es gut. Er verspricht keine Ausstellung, sondern einen Zustand.
Ich habe gehört, dass die Swarovski Kristallwelten zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Österreichs zählen – neben Schloss Schönbrunn. Ein Ort, der so viele Menschen mit Kunst in Berührung bringt. Das würde ich mir für viele Museen wünschen. Was ist die Magie dieses Hauses? Vielleicht genau diese Mischung aus Zugänglichkeit, Sinnlichkeit und Ernsthaftigkeit.
Ready to Love?
Schon nach den ersten Schritten in den Swarovski Kristallwelten merke ich, wie sehr mich das Gesamtkonzept fasziniert.
Dann wird es lauter, farbiger, beinahe übermütig. Im Palast der Herzen von Manish Arora begegnet mir Liebe als offene Geste. Neonleuchtende Worte, Herzformen, Kristallperlen, Handwerk, Humor. Und diese eine Frage im Raum: Ready to Love?
Ich bleibe stehen.
Was bedeutet das eigentlich – bereit zu lieben?
Geht es darum, einen anderen Menschen zu lieben? Oder beginnt Liebe viel früher – bei sich selbst, bei der Art, wie wir durch Räume gehen, wie wir schauen, wie wir mit unserer Umgebung umgehen? Vielleicht wächst Liebe dort, wo Aufmerksamkeit entsteht. Dort, wo etwas ernst genommen wird. Wo Zeit investiert wird, ohne sofort etwas zurückzuerwarten.
Ready to Love fühlt sich in den Swarovski Kristallwelten nicht romantisch an, sondern wie eine Haltung.
Eine Einladung, sich nicht zu verschließen.
Nicht zynisch zu werden.
Sich berühren zu lassen – von Farben, von Menschen, von Gedanken.
Ich frage mich:
Was gilt es heute eigentlich zu lieben?
Was pflegen wir? Was schützen wir?
Und was lassen wir zu schnell los?
Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn nichts erklärt werden muss?
Wenige Schritte weiter wird es still in der Swarovski Kristallwelt Wattens.
Das Licht übernimmt. Farbe löst sich von Form. Alles scheint schwerelos. In der Arbeit von James Turrell wird Wahrnehmung selbst zum Thema. Der Raum fühlt sich weich an, Übergänge verschwimmen. Es gibt nichts festzuhalten, nichts zu lesen, nichts zu erklären. Nur sehen.
Was mich besonders berührt: die Kinder. Wie selbstverständlich sie sich auf dieses Sehen einlassen, wie spielerisch sie mit Licht und Raum umgehen. Konzentration und Leichtigkeit schließen sich hier nicht aus. Sie gehören zusammen.
Was braucht es, damit aus Nähe etwas Verlässliches wird?
Gedanklich bleibe ich bei Verbindung. Seit Mai freue ich mich auf die rote Wunderkammer von Chiharu Shiota in der Swarovski Kristallwelt Wattens.. Ein dichtes Netz aus roten Fäden spannt sich durch den Raum, dazwischen kleine Kristallperlen. Fragmente tauchen auf, erinnern an Körper, an Spuren von Menschen. Nichts steht für sich allein. Alles hängt zusammen – wie ein unterirdisches Myzel.
Die Menschen beginnen zu spielen. Große wie kleine fotografieren, Kinder flitzen durch diesen verwunschenen Ort, fassen die Fäden an, spüren sie, strahlen, wenn ein Band ihr Gesicht berührt. Genau wie die Erwachsenen. Vor lauter Staunen vergesse ich, meinen Audioguide einzuschalten. Der Augenblick zählt. Und für einen Moment fühle ich mich auch den anderen Besucher:innen verbunden. Ist das das Wunder dieser Kammer?
Der Gedanke dahinter trifft mich überraschend direkt. Beziehungen fühlen sich heute oft fragil an, beweglich, nicht festgefügt. Und trotzdem gibt es diese unsichtbaren Fäden.
Ich mag diese Auseinandersetzung mit der Frage, welche Verbindungen mich tragen. Sind es die alten, gewachsenen? Oder gerade die jungen, zarten, die noch vorsichtig gespannt sind? Und was braucht es, damit aus Nähe etwas Verlässliches wird? Wer mag sich wohl mit mir verbunden fühlen? Und kann ich das erwidern?
Für wen wünschen wir uns ein Ende des Schmerzes?
Ein wenig weiter wird es noch einmal stiller. Ein einzelner Raum, nur sechs Personen dürfen ihn zeitgleich betreten. Diese Begrenzung verändert alles. Es ist eine von weltweit nur vier Spiegelinstallationen Chandelier of Grief von Yayoi Kusama. Ein Kristallluster dreht sich im Raum, umgeben von unzähligen Spiegeln. Das Licht vervielfacht sich, reflektiert sich ins Unendliche. Und mit ihm alles, was sich davor bewegt.
Auch wir.
Auch ich.
Der Lüster spiegelt sich – und wir spiegeln uns mit ihm, seitlich, oben, unten. Plötzlich steht nicht nur das Objekt im Raum, sondern auch das, was wir mitbringen. Vielleicht sogar unser eigener Schmerz. Auch hier sind wir Teil der Installation. Unbeobachtet beginnen wir, uns zu drehen, zu tanzen.
Wer steht hier eigentlich im Licht der Unendlichkeit?
Der Lüster? Der Schmerz? Wir selbst?
Wird das, was wir wahrnehmen, größer, wenn es gespiegelt wird? Oder verliert es an Schwere, weil es geteilt wird?
Was ist Schmerz eigentlich?
Gehört er uns?
Oder entsteht er zwischen uns?
Wer ist das Opfer des eigenen Schmerzes – wir selbst oder diejenigen, die wir damit erreichen? Und liegt darin nicht auch eine Verantwortung? Eine Entscheidung? Ob wir Schmerz festhalten, weitergeben oder verwandeln?
Wann hört Schmerz auf?
Und wann wird er unendlich – durch Wiederholung, durch Schweigen, durch fehlende Entscheidung?
Vielleicht liegt in dieser Arbeit auch eine leise Frage:
Für wen wünschen wir uns ein Ende des Schmerzes?
Für uns selbst – oder für die, die uns nahe sind?
Und was bedeutet ein Ende des Schmerzes überhaupt? Erlösung, Loslassen, Aufgabe, ein neuer Zustand?
Was bedeutet es, Teil eines größeren Rhythmus zu sein?
Wenige Räume weiter verändert sich der Rhythmus. Puls folgt auf Puls. In der Arbeit von Rafael Lozano-Hemmer wird mein eigener Herzschlag Teil des Raumes. Ich scanne meine Handinnenfläche, Kristalle flackern im Takt früherer Besucher:innen. Jeder Puls bleibt eine Weile, wird später überschrieben, macht Platz. Diese Form von Immersion berührt mich jedes Mal aufs Neue.
Mich beschäftigt dieser Gedanke lange. Teil zu sein, ohne zu bleiben. Gehört zu werden, ohne sich durchzusetzen. Ein Raum, der nur existiert, weil viele da waren – und viele wieder gehen.
Was bedeutet Identität, wenn sie sich ständig im Austausch formt?
Und wie fühlt es sich an, ein kleiner Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein – hörbar, sichtbar, vergänglich?
Wie verändert sich ein Kunstwerk, wenn Natur, Zeit und Bewegung mitgestalten?
Draußen im Garten verändert sich die Stimmung. Kunst, Landschaft und Bewegung greifen ineinander. Die Kristallwolke von CAO PERROT reagiert auf Wetter und Tageszeit. An diesem Tag ist der See zugefroren. Spiegelungen, Brüche, glatte Flächen überlagern sich. Ich bleibe stehen. Schaue. Gehe weiter. Es ist einer dieser stillen Momente, die nicht spektakulär sind und gerade deshalb so schön.
Die Arbeiten in dieser kristallenen Welt geben keine Antworten vor.
Sie lassen Gedanken entstehen – über Körper und Material.
Über Nähe, Leichtigkeit, Teilhabe und, leise, auch über Verantwortung.
Ich gehe mit dem Gefühl, dass Wahrnehmung nichts ist, das allein passiert.
Sie entsteht zwischen Menschen, Räumen und Rhythmen.
Swarovski Kristallwelten – Wattens
Dauerausstellung
Weitere Informationen zu den Kunstwerken der Swarovski Kristallwelten finden sich hier:
www.kristallwelten.swarovski.com/de/kunst/kunstwerke
Weitere Einträge des Blogs Tagebuch zur Kunst sind hier versammelt:
www.dieleichtigkeitderkunst.de/tagebuch-zur-kunst/
