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Dr. Loretta Würtenberger über Künstlernachlässe, Schlossgut Schwante und Artists & Estates – ein Gespräch über Verantwortung, Klarheit und Fürsorge in der Kunst

Die Kunst der Nachlassverwaltung mit Dr. Loretta Würtenberger | Kunstpodcast Die Leichtigkeit der Kunst

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Dr. Loretta Würtenberger
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Claudia Linzel

Die Kunst der Nachlassverwaltung – ein Gespräch mit Dr. Loretta Würtenberger

Ein barockes Gut in Brandenburg. Ein Skulpturenpark mit zeitgenössischer Kunst.
Und eine Frage, die selten laut gestellt wird:
Was bleibt von einem künstlerischen Leben, wenn es zu Ende geht?

Dieses Gespräch nähert sich dem Thema Nachlassverwaltung ohne Schwere – und ohne Vereinfachung. Es geht um Übergänge, um Verantwortung und um die Bedingungen, unter denen Kunst weitergetragen wird: im Werk, in Archiven, in Verträgen, in Beziehungen. Und in den Entscheidungen, die oft lange vor dem eigentlichen Übergang beginnen.

Über das Gespräch

Dr. Loretta Würtenberger arbeitet an einer Schnittstelle, an der vieles zusammenkommt: Kunst, Recht, Vertrauen und langfristiges Denken. Als Kunsthistorikerin und Juristin sowie Mitgründerin des Institute for Artists & Estates begleitet sie Künstler:innen und ihre Nachlässe mit Struktur, Weitsicht und einer großen Aufmerksamkeit für individuelle Situationen.

Im Gespräch wird deutlich, dass Nachlassverwaltung weit mehr ist als eine juristische Aufgabe. Sie beginnt häufig in Gesprächen: darüber, was bewahrt werden soll, was offenbleiben darf und wer künftig Verantwortung trägt. Es geht um Werkzusammenhänge, um Archive, um Rechte – ebenso wie um menschliche Konstellationen, Erwartungen und Grenzen.

Die Perspektive, die Loretta Würtenberger einbringt, verbindet Nähe zum Werk mit rechtlicher Präzision. Dadurch entsteht ein Verständnis von Nachlassarbeit, das nicht abschließt, sondern vorbereitet. Ordnung erscheint hier nicht als Einschränkung, sondern als Voraussetzung dafür, dass Kunst auch in Zukunft lesbar, zeigbar und anschlussfähig bleibt.

Schlossgut Schwante – ein Ort für Übergänge

Ein zentraler Bezugspunkt des Gesprächs ist Schlossgut Schwante in Brandenburg. Der Ort steht exemplarisch für eine Haltung, in der Kunst, Leben und Öffentlichkeit nicht strikt voneinander getrennt werden. Der Skulpturenpark öffnet zeitgenössische Positionen für Besucher:innen und macht Kunst im Gehen, Verweilen und Wiederkommen erfahrbar.

Im Gespräch wird spürbar, dass ein solcher Ort Verantwortung auf mehreren Ebenen trägt: für Werke im Außenraum, für ihre Pflege und Sichtbarkeit, für den Umgang mit Natur und Zeit. Kunst ist hier kein abgeschlossenes Objekt, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs – abhängig von Aufmerksamkeit, Pflege und langfristigem Denken.

Gerade im Zusammenhang mit Nachlassfragen wird dieser Ort zu einem praktischen Beispiel: Kunst braucht Räume, Strukturen und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Nicht als Besitz, sondern als Aufgabe.

Nachlassverwaltung als Haltung

Dieses Gespräch mit Loretta Würtenberger erzählt von Nachlassverwaltung als einer Praxis, die Klarheit schafft, ohne festzuschreiben. Es geht um Fürsorge, um Vertrauen und um das Bewusstsein, dass Entscheidungen Wirkung entfalten – oft über Generationen hinweg.

Nachlass erscheint hier nicht als Abschluss, sondern als Übergang. Als Prozess, der Offenheit braucht und zugleich Struktur. Wer frühzeitig ordnet, nimmt dem Werk nichts – sondern ermöglicht erst, dass es weitergetragen wird.

Kein Fazit, kein Appell.
Eher ein Innehalten. Und ein Weiterdenken.

Schlossgut Schwante – Architektur, Geschichte und ein offener Park

Ein zentraler Teil des Gesprächs mit Loretta Würtenberger führt nach Brandenburg auf das Schlossgut Schwante.
Das Anwesen entstand zwischen 1741 und 1743, vermutlich nach Entwürfen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, einem der prägenden Architekten des preußischen Klassizismus. Nördlich von Berlin gehört Schwante zu den wenigen erhaltenen Ensembles dieser Zeit, bei denen Schloss und Park in ihrer ursprünglichen Anlage bewahrt geblieben sind.

Im Gespräch wird deutlich, dass Schwante kein musealer Rückzugsort ist. Das Haus war über Jahrzehnte Dorfzentrum, Kindergarten, Verwaltung, Krankenhaus – ein Ort des Alltags. Diese Geschichte ist bis heute sichtbar: in erhaltenen Beschriftungen, restaurierten Fresken des 18. Jahrhunderts und in der bewussten Entscheidung, Spuren früherer Nutzungen nicht zu tilgen.

Der Park folgt der Idee des englischen Landschaftsparks. Wege, Wiesen und Blickachsen sind so angelegt, dass sich beim Gehen immer neue Perspektiven eröffnen. Kunst und Natur stehen hier gleichberechtigt nebeneinander.

Der Skulpturenpark – Kunst, Natur und Öffentlichkeit

Aus dem Wunsch, diesen Ort zu teilen, entstand der Skulpturenpark.
Er ist öffentlich zugänglich und zeigt zeitgenössische Positionen in einer Landschaft, die nicht dominiert, sondern mitträgt.

Im Gespräch mit Loretta Würtenberger werden konkrete Werke und Künstler:innen benannt:
Skulpturen von Ulrich Rückriem, spiegelnde Arbeiten von Jorinde Voigt, frühere Positionen von Maria Loboda. Am Eingang markiert ein Fahnenmast den politischen Anspruch des Ortes – jährlich bespielt von wechselnden künstlerischen Statements, unter anderem von Esra Gülmen.

Kunst erscheint hier nicht als Setzung, sondern als Einladung: zum Gehen, zum Verweilen, zum gemeinsamen Erleben. Auch Kinder, Familien und Nachbar:innen sind Teil dieses Ortes. Alltag, Spiel und Kunst greifen ineinander.

Die Gesprächsatmosphäre ist dabei ruhig und offen. Es wird erzählt, erinnert, gelacht – ohne Pathos, mit großer Genauigkeit. Architektur, Sammlung und Leben erscheinen als miteinander verwoben.

Eine erweiternde Perspektive

Am Rand des Gesprächs öffnet sich eine weitere Ebene: das gemeinsame Buchprojekt von Loretta Würtenberger und Hubertus Graf Zedtwitz, Eine Sprache der Liebe (Verlag Matthes & Seitz Berlin). Das Buch widmet sich der jahrtausendealten Beziehung zwischen Mensch und Pferd – als kulturellem, historischem und emotionalem Gefüge.

Das Buch lässt sich als Ausdruck einer Haltung lesen: aufmerksam, verantwortungsvoll, zugewandt. Es geht um Beziehung, um Sprache jenseits des Funktionalen und um die Frage, wie Nähe gestaltet werden kann, ohne zu vereinnahmen. Eine Perspektive, die auch im Nachdenken über Kunst, Verantwortung und Weitergabe mitschwingt.

Themen:

Künstlernachlässe · Verantwortung · Institute for Artists & Estates · Schlossgut Schwante · Skulpturenpark · Öffentlichkeit

Hören:
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Links & Credits:
Institute for Artists & Estates · Schlossgut Schwante 

Anknüpfende Gespräche finden sich im Bereich:
Kunstmarkt

Dr. Loretta Würtenberger, Kunsthistorikerin und Mitgründerin des Institute for Artists & Estates und Claudia Linzel, Gastgeberin des Kunstpodcast Die Leichtigkeit der Kunst