Warteschleifen sind Teil des Alltags. Sie strukturieren Zeit, lenken Aufmerksamkeit und erzeugen das Gefühl von Kontrolle – oder von Kontrollverlust. Die Ausstellung Holding Pattern – Warteschleifen und andere Loops im HMKV Dortmund nimmt diese scheinbar beiläufigen Strukturen ernst. Sie fragt, wie digitale Technologien, algorithmische Prozesse und mediale Systeme soziale Abläufe formen, ohne sich klar zu zeigen.
Im Gespräch treffen Dr. Inke Arns, künstlerische Leiterin des HMKV, und der britische Schriftsteller und Künstler Tom McCarthy aufeinander. Gemeinsam sprechen sie über Wiederholung als ästhetisches Prinzip, über Warteschleifen als kulturelle Figur und über das, was sich unserer Wahrnehmung entzieht – akustisch, visuell, strukturell. Die Folge bewegt sich zwischen Medienkunst, Literatur, Philosophie und gesellschaftlicher Gegenwart.
Holding Pattern im HMKV Dortmund
Die Ausstellung Holding Pattern versammelt künstlerische Arbeiten, die sich mit Schleifen, Mustern und Kontrollmechanismen beschäftigen. Digitale Technologien werden hier nicht als Werkzeuge betrachtet, sondern als Umgebungen, in denen Handlungen, Bewegungen und Entscheidungen vorstrukturiert sind. Flugrouten, Klangschleifen, algorithmische Abläufe und mediale Wiederholungen werden zu Bildern für eine Gegenwart, die in Zyklen organisiert ist.
Der HMKV – Hartware MedienKunstVerein versteht sich seit vielen Jahren als Ort für Gegenwartskunst an der Schnittstelle von Technologie, Politik und Gesellschaft. In dieser Ausstellung wird dieser Anspruch besonders deutlich: Medienkunst erscheint nicht als Spezialdisziplin, sondern als präzises Instrument zur Beobachtung gesellschaftlicher Strukturen.
Wiederholung, Kontrolle und Wahrnehmung
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Frage, wie Wiederholung wirkt. Warteschleifen erscheinen zunächst als funktionale Elemente – in Callcentern, Flughäfen oder digitalen Interfaces. In der Ausstellung werden sie zu ästhetischen Formen, die Zeit dehnen, Aufmerksamkeit binden und Kontrolle suggerieren.
Tom McCarthy spricht über Wiederholung als literarische und künstlerische Denkfigur: Reenactments, Loops und Überlagerungen ziehen sich durch sein Werk. Schreiben wird dabei als Prozess verstanden, der nicht linear verläuft, sondern sich in Schleifen organisiert. Dr. Inke Arns ergänzt diese Perspektive aus kuratorischer Sicht: Medienkunst macht sichtbar, wie sehr Wahrnehmung heute von technischen Systemen geprägt ist – oft ohne bewusstes Erkennen.
Künstlerische Positionen und unsichtbare Systeme
Die Ausstellung vereint Arbeiten von Stan Douglas, Harun Farocki, Åke Hodell, Stefan Panhans & Andrea Winkler, Susan Philipsz und Elizabeth Price. Die Werke bewegen sich zwischen Dokumentation, Klang, Film und Installation. Sie thematisieren Arbeitsprozesse, mediale Routinen und algorithmische Ordnungen.
Im Gespräch wird deutlich, dass diese Arbeiten keine Antworten liefern, sondern Denkbewegungen auslösen. Unsichtbare Systeme – Datenströme, Kontrollmechanismen, Rhythmen – werden erfahrbar, ohne vollständig erklärbar zu sein. Kunst fungiert hier als Beobachtungsinstrument, nicht als Kommentar.
Literatur, Philosophie und Denkfiguren
Die Folge öffnet den Blick auch auf literarische und philosophische Bezüge. Tom McCarthy spricht über Denkfiguren zwischen Platon, Hegel, Lacan und Rachmaninow. Diese Referenzen erscheinen nicht als Theorieapparat, sondern als Hintergrundrauschen, das künstlerische Praxis begleitet.
Wiederholung wird dabei als kulturelles Prinzip lesbar – zwischen Erinnerung, Kontrolle und Widerstand. Warteschleifen sind nicht nur technische Zustände, sondern auch mentale Räume.
Gäste:
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Dr. Inke Arns
Dr. Inke Arns ist Kulturwissenschaftlerin und seit 2005 künstlerische Leiterin des HMKV – Hartware MedienKunstVerein in Dortmund. Mit einem Hintergrund in Slawistik, Osteuropastudien und Medientheorie hat sie sich auf Medienkunst und gesellschaftskritische Ausstellungen spezialisiert. Ihre kuratorischen Arbeiten verbinden Technologie, Politik und Gegenwartskunst auf präzise und diskursive Weise – immer mit Blick auf gesellschaftliche Brüche, digitale Kontrollsysteme und künstlerische Widerständigkeit. -
Tom McCarthy
Tom McCarthy ist britischer Schriftsteller, Essayist und Künstler. Seine vielfach ausgezeichneten Romane wie Remainder, Satin Island und C kreisen um Themen wie Wiederholung, Reenactment, Netzwerke und das Unsichtbare hinter der Oberfläche. McCarthy arbeitet literarisch wie konzeptuell an der Schnittstelle von Philosophie, Technologie und Struktur. Für Holding Pattern agiert er erstmals als Kurator – und verknüpft seine literarischen Denkfiguren mit zeitgenössischer Medienkunst.
Sparda-Nacht und öffentlicher Diskurs
Ein besonderer Programmpunkt im Rahmen der Ausstellung ist die Sparda-Nacht im HMKV am 23. Mai 2025. Sie öffnet den Ausstellungsraum für Gespräche, Begegnungen und gemeinsames Erkunden. Die Veranstaltung versteht sich als Einladung, den Schleifen der Gegenwart nachzuspüren – und sie zeitweise zu unterbrechen.
Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West
Diese Episode entstand in Zusammenarbeit mit der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West. Die Stiftung engagiert sich für kulturelle Teilhabe, Bildung und gesellschaftliche Verantwortung. Sie unterstützt Institutionen und Projekte, die Kunst als Raum für kritische Beobachtung, Reflexion und Austausch stärken – auch dort, wo digitale Technologien und gesellschaftliche Machtstrukturen verhandelt werden.
Weitere Gespräche aus der Zusammenarbeit mit der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West:
Alle Folgen der Zusammenarbeit mit der Sparda-Stiftung
Themen dieser Folge
Holding Pattern · Warteschleifen · Wiederholung · Kontrolle · Medienkunst · HMKV Dortmund · Algorithmische Systeme · Wahrnehmung · Literatur und Kunst
Ausstellung
Holding Pattern – Warteschleifen und andere Loops
HMKV – Hartware MedienKunstVerein, Dortmund
15. März – 27. Juli 2025
Programmhöhepunkt
Sparda-Nacht im HMKV · 23. Mai 2025
Links & Credits
HMKV Dortmund · Dr. Inke Arns · Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West · Dortmunder U
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Von „Holding Pattern“ zu „Das halbe Leben“
Anknüpfend daran beleuchtet die Folge Das halbe Leben Arbeit, Zeit und gesellschaftliche Strukturen im Museum unter Tage.
Diese Episode ist als persönliches Gespräch vor Ort entstanden.
Letzte redaktionelle Überarbeitung: Februar 2026.


