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Zwei Frauen bei Alberto Giacometti

Alberto Giacometti – Kunsthalle Bremen

Schon seit Oktober trage ich diese Ausstellung mit mir herum. Den Wunsch, sie zu sehen, ganz konkret, nicht beiläufig. Alberto Giacometti ist mir im Laufe meines Lebens immer wieder begegnet – einzelne Werke, einzelne Figuren, kurze Momente des Stehenbleibens. Und jedes Mal war da dieses Gefühl von Faszination, ohne dass ich es wirklich benennen konnte. Vielleicht war es die Fragilität dieser hochgezogenen Körper, vielleicht das Zerbrechliche, vielleicht das Unabgeschlossene, dieses dauernde Fragen im Material. Ich wusste es nicht genau. Ich wusste nur: Da ist etwas, das bleibt.

In der Kunsthalle Bremen hat sich dieses Gefühl zum ersten Mal sortiert. Nicht im Sinne von „jetzt ist alles klar“, sondern im Sinne von: Es entstehen neue Fragen, und gleichzeitig fallen einige Dinge an ihren Platz. Die Führung mit Martin Odermatt war dafür entscheidend – ruhig, klug, offen, eindrücklich, sehr verständig – ohne zu erklären, was man zu fühlen hat.

Der erste Blick: Maß, Sockel und Landschaft

Die Ausstellung beginnt mit einer sehr kleinen Figur. Ein winziger Kopf, gesetzt auf einen Doppelsockel, der im Verhältnis fast monumental wirkt. Dahinter ein großformatiges Foto von Giacometti in seiner Engadiner Heimat. Er steht dort auf einer Anhöhe, fast beiläufig, und sofort stellt sich diese eine Frage ein: Wie sehr prägt uns die Landschaft unserer Kindheit? Und noch stärker drängt sich eine andere auf, als man diesen kleinen Kopf auf dem übergroßen Sockel betrachtet. Das Maß stimmt nicht – oder besser: Es folgt keiner vertrauten Logik. Und genau daraus entsteht etwas Eigenartiges. Ist diese Figur eingeschlossen oder geschützt? Geht es um Angst oder um Freiheit? Um Verletzlichkeit oder um Stärke?

Das Erhabene als Erfahrung

Was mich überrascht hat: In mir stellte sich kein Gefühl von Bedrängung ein, sondern eher eines von Kraft. Fast so, als hätte diese kleine Figur etwas geschafft. Eine deutsche Redewendung sagt ja auch, jemanden „auf einen Sockel zu heben“. Und plötzlich stellt sich ganz selbstverständlich die Frage: Worauf kommt es eigentlich an – auf physische Größe… auf direkte Präsenz… auf monumentale Sichtbarkeit oder auf mentale Größe… das Leise… das Durchdachte? Der Vergleich zu Gullivers Reisen liegt nahe, das Spiel mit Maßstäben, bzw. die menschliche Fantasie, Menschen schrumpfen zu lassen. Was bedeutet es, wenn etwas klein ist? Wird es dadurch weniger wert? Oder – und das empfinde ich besonders schön – richtet sich der Blick gerade dann mit größerer Konzentration darauf?

In der Ausstellung wird das Erhabene ins Spiel gebracht, bei Immanuel Kant verortet –welch Wohltat, darüber einmal nachzudenken. Das Erhabene als ein Moment, in dem der Mensch sich seiner eigenen geistigen Fähigkeit bewusst wird. Man steht etwas gegenüber, das größer ist als man selbst – einer Landschaft, einer Idee, einer Erfahrung – und erkennt zugleich, dass man sie denken kann. Dieses Bewusstsein erzeugt kein Unterlegenheitsgefühl, sondern eine Form von Genuss. Vielleicht auch eine leise Melancholie. Nicht als Traurigkeit, sondern als Tiefe. Die Alpen, die Giacomettis Jugend geprägt haben, tauchen hier nicht nur als Motiv auf, sondern als Maßstab. Als Sockel seiner Figuren. Als Fundament seines Seins.

Vom Surrealismus zur Handarbeit im Ton

Später erfährt man, dass Giacometti als junger Künstler zunächst im Surrealismus verortet war – etwas, das mir vorher nicht präsent war. Und dann kommt dieser entscheidende Bruch: der Moment, in dem er sich davon löst und buchstäblich mit den Händen in den Ton greift. Im Atelier entsteht dieser obsessive Versuch, den Kopf zu formen, das Gesicht, das Sehen selbst.

Die Figuren werden im weiteren Verlauf immer reduzierter, fast bis zur Unkenntlichkeit. Und doch bleibt etwas zutiefst Menschliches. Man erkennt Kopf, Schultern, einen Fuß – und weiß sofort, dass es sich nicht um Zweige oder Stäbe handelt, sondern um Körper. Um Existenz.

Lichtung, Sockel und das Unsichtbare darunter

Diese neue Figurensprache wirkt für Giacometti wie eine weltliche Epiphanie. Ein Moment des Wiedererkennens, des plötzlichen inneren Öffnens. Giacometti spricht sinngemäß von einer – von seiner Lichtung. Er stellt diese neun Figuren wieder auf einen Sockel – diesmal so, dass sie den Boden nicht vollständig berühren. Unter dem Sockel bleibt Raum. Und plötzlich bekommt auch das Unsichtbare Gewicht: das, was unter der Erde liegt, der Humus, das Netzwerk, das Nährende. Der Sockel wird nicht mehr als Abgrenzung verstanden, sondern als etwas Atmendes, fast Lebensspendendes.

Frauen wie Tannen, Männer wie Felsmassive

Sehr eindrücklich fand ich die Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Figuren. Die Frauen stehen aufrecht, fast wie Tannen, lebensspendend, vertikal, mit einer Ruhe, die trägt. Seine Ehefrau ist oft an der Frisur erkennbar. Die Männer hingegen wirken erdiger, massiver, ihre Sockel breiter, fast wie Felsformationen. Das fühlt sich nicht nach Wertung an, eher wie eine Beobachtung von Energie, von Haltung.

Jean-Paul Sartre bezeichnet Giacometti in seinem Essay als existenziellen Künstler. Und plötzlich wird mir klar, dass Existenzialismus hier nichts Abstraktes meint. Es geht ums Dasein. Um das einfache, manchmal schmerzhafte, manchmal klare Existieren. Besonders deutlich wird das bei den Figuren im Käfig. Zwei Körper, eine Struktur, unterschiedliche Blickrichtungen. Man spürt sofort, wie sich Nicht-Kommunikation anfühlt. Wie Nähe ohne Austausch entstehen kann. Wie sehr Menschen nebeneinander existieren können, ohne sich zu erreichen – wie einengend sich ausweglose Nicht-Kommunikation anfühlt.

Ein Höhepunkt für mich waren die Drei schreitenden Männer – wieder auf einem Sockel. Er wirkt fast wie ein Altar – Schritt für Schritt, Bewegung und Stillstand zugleich. Es wirkt wie eine Suche nach Sinn, nach Richtung, nach einem gemeinsamen Moment – und gleichzeitig bleibt alles an der Schwelle… man geht sich förmlich aus dem Weg. Wo ist die Zielvorgabe? Diese Skulptur ist eine leise Grenzerfahrung… wen überrennen wir im Eifer des Gefechts? Wo wäre Nähe möglich, wenn wir die eigene Distanz ablegen würden? Käme es zum schmerzhaften Zusammenstoß oder zu einer entscheidenden Begegnung mit positiver Wendung?

Ein letzter Blick: Barhocker, Anekdote und Leichtigkeit

Am Ende stehen wir vor dem Barhocker und den darauf stehenden vier Frauen auf einem… Sockel. Der Barhocker ist fast nicht erklimmbar – einmal oben, kommt man so leicht auch nicht wieder hinunter. Ich denke über Erreichbarkeit nach, über Käuflichkeit… über das was ich begehre… über das was Unerreichbar scheint… über die inneren Wege, die Absichten die ich versuche zu ergründen, über Reize, die mich anlocken… Drifte mit meinen Gedanken immer weiter ab – bis zu dieser fast beiläufigen, witzigen Anekdote, warum Giacometti gerade dieses Objekt formte. Ein Moment, der das Ganze wieder humorvoll erdet, ohne es zu entzaubern.

Mit einer stillen Gänsehaut hinaus

Selten gehe ich mit einer solch inneren ungezügelten Freude von einem Ausstellungsraum zum nächsten – kann mich kaum bremsen in meiner Vorfreude. Diese Mischung aus Sehen, Verstehen, Spüren und Weiterdenken hat mich sehr tief berührt.

Mit einer Gänsehaut bin ich aus der Ausstellung „Giacometti – das Maß der Welt“ hinausgegangen – und mit dem Wunsch, diese Erfahrung weiterzugeben. Diese Ausstellung läuft noch bis zum 15. Februar, und ich kann wirklich jedem nur empfehlen, sich Zeit dafür zu nehmen.

Nicht, um Giacometti zu verstehen.
Sondern um sich selbst im Verhältnis zu erleben. Großartig!

Giacometti – das Maß der Welt
Kunsthalle Bremen
11. Oktober 2025 – 15. Februar 2026

Weiterführende Links

Weitere Informationen zur Ausstellung auf der Website der
Kunsthalle Bremen.

Ein Dank an den Förderkreis der Kunsthalle Bielefeld, die diesen Ausstellungsbesuch ermöglicht hat:
Förderkreis Kunsthalle Bielefeld.

Weiterführende Gedanken zu Kunst, Wahrnehmung und Gesellschaft finden sich im
Tagebuch zur Kunst.

Die Kunsthalle Bremen im Podcast „die Leichtigkeit der Kunst“
Die Picasso Connection.

Claudia Linzel

Claudia Linzel ist Moderatorin und Gastgeberin des Podcasts Die Leichtigkeit der Kunst. Seit 2020 führt sie Gespräche mit Künstler:innen, Kurator:innen, Museumsleiter:innen und Akteur:innen des Kunstmarkts – vor Ort, im Dialog und mit Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Arbeit verbindet Kunst, Geschichte und Gegenwart in einer Sprache, die bewusst zugänglich bleibt – für Fachpublikum ebenso wie für Menschen, die Kunst neu entdecken. Der Podcast entsteht in Zusammenarbeit mit Museen, Institutionen und Kulturpartnern im deutschsprachigen Raum.