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Die Mächtigsten kacken Kunst aus

Beeple. Regular Animals.
Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50 · 29. April – 10. Mai 2026 · Eintritt frei

Sie tragen die Gesichter der Mächtigsten der Welt – und kacken Kunst aus. Wer lacht da eigentlich über wen?

Wer entscheidet, was wir für schön halten – wir, oder ein Algorithmus?

Man betritt das Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie – jenes Haus, das Mies van der Rohe als Tempel für die Kunst gebaut hat, Glas und Stahl, Reduktion auf das Wesentliche – und erwartet Kunst von Weltrang. Stattdessen: Roboterhunde – augenscheinlich autonom, frei im Raum, ausgestattet mit hyperrealistischen Silikonköpfen. Elon Musk. Mark Zuckerberg. Andy Warhol. Pablo Picasso. Und Beeple selbst. Sie laufen, sie scannen, sie interpretieren. Und dann – gehen sie in die Hocke. Und… „kacken“ – sorry: drucken bzw. scheiden aus.

Die erste Reaktion ist ein Lachen. Die zweite ist ein leises Unbehagen. Das Lachen bleibt im Hals stecken.

„Heute wird unser Weltbild von Tech-Milliardären beeinflusst und geprägt – sie kontrollieren mächtige Algorithmen, die entscheiden, was wir sehen und was nicht. Ich halte das für eine immense Macht.“ so Mike Winkelmann (Beeple), im Gespräch mit tipBerlin, April 2026

Beeple ist kein Konzeptkünstler im klassischen Sinne – er ist Informatiker, Webdesigner, digitaler Chronist. Seit 1999 arbeitet er mit dem Computer als Leinwand, seit 2007 schafft er täglich ein Werk, jeden Tag, ohne Ausnahme. Dieses Versprechen an sich selbst wurde 2021 mit dem Verkauf von Everydays: The First 5000 Days für 69 Millionen Dollar zur Kunstgeschichte. Das Geld finanzierte die Roboter hier.

Warum gehen wir an Menschen vorbei, aber bleiben vor Robotern stehen?

Was den Besuch aber wirklich unvergesslich machte, war eine Begegnung, die eigentlich am Rande stattfand – und mir genau deshalb so viel bedeutete.

Eine Mitarbeiterin der Nationalgalerie, bestens ausgebildet, Teil des „AskMe“-Programms des Hauses, stand mitten im Raum. Ihre Aufgabe: die ausgedruckten Bilder einzusammeln, die die Hunde ausscheiden, und sie an Besucher weiterzugeben. Ein einfacher Dienst, könnte man meinen. Doch was sich um sie herum abspielte, war aufschlussreicher als so mancher Ausstellungstext.

Die meisten Erwachsenen gingen an ihr vorbei mit einer einzigen Frage: „Wo krieg ich das Bild?“ Kein Blickkontakt. Kein Dankeschön. Als wäre sie Teil des Inventars – wie die Drucker selbst, wie die Hunde, wie der Algorithmus. Komplett gruselig.

In einem Raum, der über die Unsichtbarkeit menschlicher Entscheidungen hinter technologischen Systemen nachdenkt – über Algorithmen, die ungesehen unser Weltbild formen – war hier, live, dasselbe Prinzip zu beobachten: Ein Mensch, der Menschen unterstützt, wird selbst zum unsichtbaren System, dass vermeintlich dominiert werden „muss“.

Ich habe sie angesprochen – und was folgte, war ein Gespräch, das den gesamten Besuch prägte. Ihre Beobachtungen, ihre Gedanken über die Besucher, über die Hunde, über das, was die Arbeit freilegt – das war eine hochinformative Gesellschaftsbeobachtung. Unprätentiös, präzise, aus der Mitte des Geschehens. Vielleicht eine der klügsten Führungen, die ich mir an der Stelle wünschen konnte.

Sie war eine der Einzigen im Raum, die wirklich zugeschaut hatte. Nicht ein paar Minuten – fürs schnelle instagrammable Pix, sondern stundenlang, ja täglich. Sie kannte die Muster der Hunde. Sie kannte die Muster der Besucher noch besser. Großartig.

Wer bekommt die Leckerli?
Oder: Ist unser Widerstand gegen Technik ehrlich – oder nur solange er bequem ist?

Dann das vielleicht entscheidende Bild des Tages: Menschen, die versuchten, die Roboterhunde mit Leckerli anzulocken!

Sie wollten gefilmt werden. Sie wollten Teil des Algorithmus sein – jenes selben Algorithmus, den Beeple kritisiert, dem wir täglich skeptisch gegenüberstehen, über den wir gerne auch mal klagen. Und doch: Im Angesicht eines Roboterhundes mit Elon Musks Gesicht warfen Menschen ihre erklärten Prinzipien buchstäblich auf den Boden – in Form von Hundefutter. Bye the way… es handelt sich ja um Roboter.

„Regular Animals“ – das ist der Titel für die Zukunft. Im Moment mögen sie seltsam sein. Aber in der Zukunft werden Robotertiere ganz normal sein.“ Beeple, tipBerlin-Interview, April 2026

Beeple nennt das gelassen „weird“. Aber was die Leckerli-Szene zeigt, ist weniger Fremdheit als Vertrautheit: Wir wissen doch, wie man mit einem Hund umgeht. Der Reflex scheint tiefer als jede Medienkritik. Der Körper reagiert wohl schneller als das Bewusstsein. Und vielleicht ist das der eigentliche „wierde“Punkt – nicht die Roboter, sondern wir selbst, die augenblicklich vergessen, dass das kein Tier ist, sondern eine Frage: wie gehen wir unterschwellig mit unserer Eitelkeit und Gier um? Das ist wirklich „weird“.

Beeple und Klaus Biesenbach schaffen es mit diesen Hunden in der Neuen Nationalgalerie, dass wir unsere Prinzipien sichtbar über Bord werfen. Und das – in einem Museum, mit Publikum, vor laufenden Kameras – ich empfinde dies als mutigen Spiegel, ausgelöst durch zeitgenössische Kunst.

Utopie oder Dystopie?

Das Gespräch mit Beeple – selbst wenn nur durch sein Interview greifbar – offenbart einen Künstler, der weder Utopist noch Dystopist ist, sondern Beobachter. Er sagt, die Zukunft wird „super, super weird“ sein. Er sagt nicht: schlecht. Er sagt auch nicht: gut. Er sagt: anders. Und er fragt, ob die Kunst bereit ist, dieses Anders zu begleiten – statt weiter über Kolonialismus und Klimawandel zu debattieren, während das Eigentliche, Technologie als neue Schöpfungsmacht, unkommentiert bleibt.

Man muss Beeple nicht zustimmen. Aber ich muss zugeben, dass Regular Animals genau das tut, weswegen ich (zeitgenössische) Kunst so unglaublich interessant finde: Es findet eine gesellschaftsrelevante Beobachtung statt, stellt dann eine aufmerksame (und manchmal auch unbequeme) Frage und lässt einen nicht mit einer Antwort gehen.

Also… bin ich gar selbst auch ein „Regular Animal“ – gelenkt, gescannt, interpretiert, ausgegeben?

Weiterführende Links, Podcastempfehlungen & Credits

Ausstellung:
Beeple. Regular Animals
29.04.2026 bis 10.05.2026
Neue Nationalgalerie

Podcastempfehlungen zum Thema Digitale Kunst:

Tim Berresheim: Gegenwartsarchäologie und digitale Kunstwelten
Alain Bieber: Digital-Art im NRW-Forum

Ausstellung „Digitale Kunst“ im Tagebuch zur Kunst:

Digital by Nature in der Kunsthalle München, Dezember 2025: https://dieleichtigkeitderkunst.de/digital-by-nature-kunsthalle-muc-blog/

Kunsttagebuch „Tagebuch zur Kunst“, Mai 2026

Claudia Linzel

Claudia Linzel ist Moderatorin und Gastgeberin des Podcasts Die Leichtigkeit der Kunst. Seit 2020 führt sie Gespräche mit Künstler:innen, Kurator:innen, Museumsleiter:innen und Akteur:innen des Kunstmarkts – vor Ort, im Dialog und mit Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Arbeit verbindet Kunst, Geschichte und Gegenwart in einer Sprache, die bewusst zugänglich bleibt – für Fachpublikum ebenso wie für Menschen, die Kunst neu entdecken. Der Podcast entsteht in Zusammenarbeit mit Museen, Institutionen und Kulturpartnern im deutschsprachigen Raum.