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Asta Gröting: Wie viel Leben sammelt sich in kleinen Gesten?

Eine Frage, die überraschend groß werden kann.

Beim Besuch der Asta Gröting Ausstellung merke ich, wie sehr sich mein Sehen verändert, wenn ich ihm Zeit lasse. Minutenlang stehe ich vor Things – Zuckerwürfel, Obst, ein Oktopus, Milchfontänen, die sich vor blauem Himmel drehen und fallen. Schwerelos und gleichzeitig voller Schwerkraft. In der Zeitlupe entsteht ein Raum, in dem ich fast vergesse, dass es „nur“ Dinge sind. Ein einfaches Bild, das sich wie eine leise Zumutung anfühlt.

Etwas Vertrautes verschiebt sich. Mein Blick wird weicher. Aus einem Stillleben wird ein Zustand. Aus einem Zustand eine Frage.

In einer weiteren Arbeit von Asta Gröting begegnen sich Wolf und Hund. Zwei Körper, die mehr miteinander teilen, als sie zeigen. Gleicher Ursprung – einmal wild, einmal domestiziert. Die Hand, die füttert, trennt gleichzeitig. Vertrauen kippt in Kontrolle.

Besonders eindrücklich ist auch die Arbeit mit den Primaten. Nahaufnahmen, in denen sich das Gesicht eines Orang-Utans mit dem eines Säuglings überlagert – ein stiller Moment, verletzlich, tastend. Keine Aussage, eher eine Öffnung: Was trennt uns eigentlich, und was verbindet uns?

First Drink zeigt acht Menschen, acht Rituale, acht unscheinbare Morgenentscheidungen. Jede Tasse ein kleines Archiv. Jede Bewegung ein Hinweis auf Herkunft und Gewohnheit. Ich erkenne mich wieder, ohne es zu erwarten.

Was mich an Grötings Videos berührt, ist das Weglassen. Keine großen Gesten, keine Erklärungen. Stattdessen der Blick auf Übergänge – Momente, die im Alltag verschwimmen, weil sie zu nah sind.

Jede Szene wirkt wie ein leiser Hinweis: Schau hin, bevor es vorbeigeht.

Vielleicht sagen gerade diese kleinen Momente so viel über uns aus. Sie zeigen, wie wir handeln, fühlen, reagieren – ohne Worte.

Ich schätze die Kraft dieser Ausstellung sehr.
Sie öffnet. Sie bietet Zeit. Und das tut gut.

Eine Empfehlung für alle, die in der Vorweihnachtszeit nach kleinen Momenten suchen, einmal durchatmen möchten und den Blick wieder auf das Ruhige im Alltag richten wollen. Danach vielleicht ein Tee im Städel-Café – mit Blick auf die Stahlarme von George Rickey, die in ihrer eigenen, stillen Bewegung den Takt des Moments vorgeben.

Claudia Linzel

Claudia Linzel ist Moderatorin und Gastgeberin des Podcasts Die Leichtigkeit der Kunst. Seit 2020 führt sie Gespräche mit Künstler:innen, Kurator:innen, Museumsleiter:innen und Akteur:innen des Kunstmarkts – vor Ort, im Dialog und mit Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Arbeit verbindet Kunst, Geschichte und Gegenwart in einer Sprache, die bewusst zugänglich bleibt – für Fachpublikum ebenso wie für Menschen, die Kunst neu entdecken. Der Podcast entsteht in Zusammenarbeit mit Museen, Institutionen und Kulturpartnern im deutschsprachigen Raum.