Krieg und Frieden in einem Raum
Stellt euch einen Raum vor, in dem Friede und Krieg gleichzeitig sichtbar sind. Auf der einen Seite Antonio Canovas Marmorplastik La Pace – entstanden 1815, nach Jahrzehnten des Krieges, als ein Ausdruck des Ideals. Auf der anderen Seite eine Skulptur der ukrainischen Künstlerin Maria Kulikovska aus ihrer Serie Shot Figures.
Diese Konstellation steht im Zentrum der Ausstellung A European Collection im Christian Schad Museum in Aschaffenburg. Rund 70 Meisterwerke aus dem Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum in Kyjiw sind dort erstmals in Deutschland zu sehen. Werke von Peter Paul Rubens, Bernardo Bellotto, Jacob Jordaens, aus den Werkstätten von Hieronymus Bosch und Rembrandt. Das Museum hat dafür seine eigene Sammlung ins Erdgeschoss zurückgenommen und zwei Etagen für eine Sammlung geöffnet, die aus einem Kriegsgebiet hierher gekommen ist.
Dr. Thomas Schauerte und sein Blick auf Christian Schad
Dr. Thomas Schauerte ist Direktor der Museen der Stadt Aschaffenburg und Kunsthistoriker mit Schwerpunkt auf Albrecht Dürer und der frühen Neuzeit. Er hat das Christian Schad Museum mit eröffnet und leitet es seit 2022. Sein persönlicher Schad-Moment? Nicht eines der Portraits, mit denen Christian Schad in den 1920er Jahren berühmt wurde. Sondern das Kind im Gras, das ein kleines Mädchen in einer Blumenwiese zeigt, gemalt aus einer Froschperspektive: Der Betrachter liegt gedanklich auf dem Bauch, das Kind sitzt aufrecht, und sein Blick geht in eine Ferne, die sich dem Betrachter entzieht. Technisch ganz nah an den alten Meistern: Lasur über Lasur, dieselbe Präzision, die auch Dürer auszeichnet. Für Schauerte ist genau das die Verbindung.
Das Christian Schad Museum und Bettina Schad
Das Christian Schad Museum öffnete 2022, getragen von der Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg, gegründet durch Bettina Schads, die den gesamten künstlerischen Nachlass ihres Mannes der Stadt hinterlassen hat. Schauerte beschreibt, wie Christian Schad 1942 durch einen Porträtauftrag nach Aschaffenburg kam und wie Bettina Schad resolut das gesamte Atelier aus dem bombenbedrohten Berlin in Sicherheit brachte – eine Geschichte, die in dieser Folge eine unerwartete Parallele zur Gegenwart bekommt.
Bohdan und Varvara Khanenko – und die Geschichte des Khanenko Museums in Kiew
Bohdan und Varvara Khanenko haben auf ihrer Hochzeitsreise in Italien begonnen, Kunst zu kaufen – und hörten nicht mehr auf. Über 40 Jahre sammelten sie europäische Alte Meister, islamische Kunst, ostasiatische Objekte, ukrainische Ikonen. Schauerte beschreibt das Paar als kongenial, betont aber auch die Rolle von Varvara Khanenko, die nach dem Tod ihres Mannes mitten im Ersten Weltkrieg die Sammlung durch Revolution und Beschlagnahmung manövriert hat. In den 1920er Jahren wurde der Name Khanenko aus dem Museumstitel gestrichen. 1999 kehrte er zurück.
Geheimhaltung und Transporte aus der Ukraine
Schauerte erzählt auch, wie die Idee zur Ausstellung A European Collection entstand: strenge Geheimhaltung bis zum Abschluss aller Transporte im Januar 2026. Das Schloss Johannisburg, der eigentlich geplante Ausstellungsort, schied wegen Versicherungs- und Sicherheitsanforderungen aus und das Christian Schad Museum, 2022 mit allen notwendigen Standards eröffnet, bewies sich als optimaler Ausstellungsort für A European Collection.
A European Collection: Die Werke – und was sie heute erzählen
Die Ausstellung A European Collection versammelt Werke, die vor Jahrhunderten entstanden sind, und die mit Blick auf unsere gegenwärtige Situation eine besonders zeitgenössische Sprache sprechen. Rubens’ Ölskizze für den Flussgott der Schelde, entstand 1615 – eine Zeit, in der die Schelde-Mündung von den Niederländern blockiert war, was den Handel behinderte. Das Bild drückt unter anderem die Hoffnung auf Wiederbelebung des Handels und Wohlstands aus. Bellottos Architekturkapriccio zeigt Ruinen mit der Genauigkeit eines Dokumentaristen – es wirkt, wie eine Hoffnung, dass wir eingenommene Städte nicht irgendwann so betrachten werden. Boschs Triptychon der Versuchung des heiligen Antonius wurde zum Plakatmotiv der Ausstellung gewählt: Die bizarren Gestalten, die durch den düsteren Himmel zischen, erinnern unweigerlich an eineen Drohnenkrieg. Jordaens’ großformatiges Gemälde von Amor und Psyche verkörpert die zauberhafte Empfindung einer ersten Begegnung. Am Ende der Ausstellung steht Canovas La Pace – Der Friede – aus dem Jahr 1815, entstanden nach den Napoleonischen Kriegen als Vergegenwärtigung eines ersehnten Zustands. Daneben eine Arbeit von Maria Kulikovska, die Körper zeigt, die vom Krieg gezeichnet sind.
Schwerpunkte des Gesprächs
• Christian und Bettina Schad
• Wie das Christian Schad Museum 2022 entstand – und was Bettina Schad damit zu tun hat
• Die Entstehung der Ausstellung A European Collection: Geheimhaltung, Transporte aus dem Kriegsgebiet, der Stadtrat
• Bohdan und Varvara Khanenko – ein Sammlerpaar mit langem Atem und klarer Haltung
• Die Geschichte des Khanenko Museums: Schenkung, Enteignung, Raub, Umbenennung, Rückgewinnung
• Canova und Kulikovska: Frieden als Ideal und Frieden als Wunde
• Rubens, Bellotto, Jordaens, Bosch, Rembrandt – Bilderklärungen, Anekdoten und was diese Bilder heute sagen
• Warum dieses ein Krieg der Kulturen ist
Weiterführende Links
Museum / Institution
Christian Schad Museum Aschaffenburg
www.museen-aschaffenburg.de
Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum, Kyjiw
www.khanenko.museum
Ausstellung
A European Collection – Meisterwerke aus dem Khanenko Museum Kyjiw im Christian Schad Museum Aschaffenburg
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Hinter den Kulissen
Diese Episode entstand als persönliches Gespräch vor Ort in Aschaffenburg im April 2026.
Interner Klick-Tipp
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